Ein Vater hatt’ drei Söhne sein, der älteste war klug und fein, der zweite so halb gut, halb schlecht, der jüngste – nun ja, töricht recht. (Russisches Volksmärchen)
Es ist allgemein bekannt, dass Größe vererbbar sein kann. Mehr noch: Manchmal reicht es nicht aus, einfach als Genie geboren zu werden. Nicht umsonst kursieren Anekdoten über die Jugendjahre großer Musiker – Rachmaninow zum Beispiel band man ans Klavier, damit er nicht davonlief. Mozart band man zwar nicht fest, dafür verband man ihm die Augen – ich weiß nicht warum, aber mit verbundenen Augen spielte er seine gesamte Kindheit hindurch Cembalo. Wer wären sie gewesen, wenn sie nicht ihre strengen Eltern gehabt hätten? Wer weiß.
Eines steht fest: Es gibt wohl keine Familie mit einer derart umfangreichen, unverwechselbaren und glanzvollen musikalischen Marke wie die Familie Jackson. Am 8. Juni 2026 hatte ich die Freude, in der Elbphilharmonie das Konzert von Michael Jackson, der Legende der Popmusik, zu besuchen… Ach nein, ich habe mich wohl versprochen. Die Legende – genauer gesagt: die Legenden der Popmusik, um die es hier gehen soll – existierten schon lange vor dem King of Pop. Ihre Namen sind Johann (der Vater), Johann (der Sohn), Josef und Eduard Strauss.
Wien, Mitte des 19. Jahrhunderts. Die Hauptstadt Österreich-Ungarns ist nun die Hauptstadt der klassischen Musik. Walzer, Polkas und Galoppe dröhnen aus jeder Ecke. Auf den Straßen kommt man wegen der wilden, unaufhörlichen Tänze kaum noch durch. Im Mittelpunkt dieses ganzen Taumels steht er – Johann Strauss Vater. Ein virtuoser Geiger, den seine Zeitgenossen mit Paganini vergleichen, dirigiert das Orchester mit dem Bogen. Mit jeder neuen Bewegung sinken die Damen reihenweise in Ohnmacht. Der durchreisende junge Richard Wagner notiert: Das sei der Dämon des Wiener musikalischen Volksgeistes.
Johann Strauss hat drei Söhne. Erstaunlicherweise bindet der Vater keinem von ihnen eine Geige an den Hals. Im Gegenteil: Musikunterricht steht unter strengstem Verbot. Als er Johann (den Sohn) eines Tages beim Geigenspiel ertappt, gerät der Vater außer sich, nimmt ihm die Geige weg und schließt das Instrument in einer Kommode ein. Doch Johann (der Sohn) gehorcht seinem Vater nicht. Mehr noch: Aus Trotz steckt er auch seine Brüder mit seiner Leidenschaft an. Der Konflikt spitzt sich so weit zu, dass der Vater den ältesten Sohn enterbt. In der Familie herrschen völliger Zerwürfnis und Scheidung; der Vater versucht mithilfe seines gewaltigen Einflusses, den Sohn von der Bühne zu verdrängen. Der Höhepunkt kommt mit der Revolution von 1848: Der Vater unterstützt das Haus Habsburg und komponiert zu dessen Ehren den „Radetzky-Marsch“ (ja, genau den, bei dem alle mitklatschen, wie blöde), während der Sohn für die Aufständischen die „Marseillaise“ spielt. Dieses musikalische Kräftemessen endet mit einer Niederlage für den Vater – die Wiener boykottieren den älteren Strauss wegen seiner Loyalität zum Regime. Verzweifelt zerbricht er seinen Geigenbogen und verfällt ins Fieber. Seine neue Frau nimmt die Kinder an sich und verlässt das Haus, weil sie glaubt, die Krankheit sei ansteckend. Der fünfundvierzigjährige Walzerkönig stirbt allein in seinem Bett an Scharlach. Michael Jackson mag über seinen Vater sagen, was er will – eine noch verrücktere Familiendramatik als die der Familie Strauss lässt sich kaum vorstellen.
Der Titel „Walzerkönig“ geht nach dem Tod des Vaters auf den ältesten Sohn über. Und damit kommen wir nun unmittelbar zum Konzert selbst.
Größere Begeisterung lässt sich kaum vorstellen als die Aufführung nicht von zwei, nicht von drei, sondern von VIERZEHN bedeutenden Werken der Brüder Strauss, von denen mehr als zehn aus der Feder von Johann (dem Sohn) stammen. Und gespielt werden sie nicht von irgendwem, sondern vom Wiener Johann-Strauss-Orchester höchstpersönlich. Gegründet im Jahr 1966, ist es nicht einfach nur ein Orchester von Weltrang, sondern das wichtigste, das erste, das professionellste – kurz gesagt: genau das Orchester für die Musik der Familie Strauss. Johann Wildner, der das Ensemble seit 2010 dirigiert, gilt seinerseits als einer der bedeutendsten Bewahrer der Wiener Tradition. Man kann gar nicht anders, als zu bemerken, wie eng die Symbiose zwischen Orchester und Dirigent ist – Wildner dirigierte die klatschenden Zuschauer während des Radetzky-Marsches fast mehr als seine eigenen Musiker sonst. Man merkt, dass jeder Einzelne das Programm bis ins kleinste Detail kennt und es mit geschlossenen Augen spielen könnte. Ohne den kleinsten Fehler, ohne die geringste Ungenauigkeit – alles ist bis an die äußerste Grenze perfektioniert.
Gleichzeitig hört man, dass der Dirigent dem Klang seine eigene Handschrift verliehen hat, ohne die traditionelle Aufführungspraxis aufzugeben. Wie süß und anmutig jede einzelne Synkope klingt, wie der Walzer sich dahinzieht wie die Schleppe eines Ballkleides über spiegelglattes Parkett. Mit jeder Bewegung der Polka fällt es dem Publikum schwerer, ruhig auf den Sitzen zu bleiben. Als schließlich die Orpheus-Quadrille erklingt, explodiert der Saal. Es ist schlicht unmöglich, bei Strauss' Interpretation von Offenbachs Operette nicht mitzuklatschen – das ist schließlich der Cancan aus Wien, der einen derart unglaublichen Umweg gemacht hat, um über Paris bis nach Hamburg zu gelangen!
Ich kann einfach nicht widerstehen und muss etwas kurzes über die Orpheus-Quadrille erzählen. Johann Strauss (der Sohn) war bei der Uraufführung von Offenbachs Operette „Orpheus in der Unterwelt“ und war davon derart begeistert, dass er unmittelbar nach der Premiere als Erstes mit der Arbeit an seiner Quadrille begann. Aus dem Gedächtnis und mit unglaublicher Präzision rekonstruierte er sämtliche feurigen Höhepunkte und fügte sie seinem eigenen Repertoire hinzu. In die heutige Sprache übersetzt, hat er damit buchstäblich die populärste Melodie seiner Zeit gesampelt und daraus den ersten musikalischen Short der Welt gemacht. Mir fehlen die Worte.
Allein schon die Polka „Im Krapfenwald'l“!.. Das Konzert verwandelt sich in ein Theaterstück: Zwischen zwei Schlagzeugern, die Vogelstimmen imitieren, entspinnt sich ein regelrechtes Drama. Der eine macht es so, der andere anders. Der eine empört sich und läuft zum Wildner, um sich zu beschweren. Der andere zieht den ersten genüsslich auf. Beinahe kommt es zur Prügelei. Dabei improvisieren die Schlagzeuger – keine einzige Aufnahme, nicht einmal die des Wiener Orchesters selbst, ist derart ausdrucksstark und urkomisch. Der ganze Saal ringt beinahe nach Luft vor Lachen.
Nach dem Hauptprogramm wird das Publikum nicht mit einem, nicht mit zwei, sondern gleich mit drei Zugaben verwöhnt. Darunter die Champagner-Polka, bei der der Schlagzeuger mit einer Art Konfettikanone auf den Dirigenten und das Publikum schießt und so den Knall eines fliegenden Sektkorkens imitiert; die Ohne-Sorgen-Polka, bei der das gesamte Orchester im Takt der Musik lacht; und zum Abschluss – wie das unverzichtbare Sahnehäubchen auf einer Sachertorte – der Radetzky-Marsch.
Man könnte noch lange über die Familie Strauss und über dieses Konzert erzählen. Doch am Ende bleibt nur eine einzige Frage: Wer von den Strausses ist nun der Größte? Der Vater des Walzers, der seinen Söhnen eine derart hohe Messlatte setzte und neben vielem anderen einen der inoffiziellen Hymnen Österreichs komponierte? Der älteste Sohn, der seinen Vater überflügelte und rund fünfhundert Walzer und Polkas schrieb, darunter mit dem Walzer „An der schönen blauen Donau“ eine der inoffiziellen Hymnen Wiens? Der mittlere Sohn, den sein älterer Bruder für den Talentiertesten hielt und der mit Werken wie der Polka „Feuerfest!“ mit Amboss die Theatralik noch auf eine höhere Stufe hob? Oder der jüngste, der nicht nur als Dirigent und wichtigster Verbündeter und Förderer seiner Brüder wirkte, sondern auch ein vollwertiger Komponist war?
Diese Frage möge jeder für sich selbst beantworten. Wie dem auch sei – ohne jede Übertreibung lässt sich sagen, dass dieses Konzert das herausragendste, repräsentativste, wienerischste und „straussischste“ Konzert war, das überhaupt möglich ist; ein Konzert, das die Elbphilharmonie bis zum Rand nicht nur mit akademischer Ekstase, sondern mit einem echten Fest erfüllte.