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Kritik War Requiem

by Artem Ocheret

War requiem.

Auf dem Weg zur Laeiszhalle, fast verlaufen in den dunklen Pfaden von Planten un Blomen, versuchte ich meine Erwartung für das War Requiem von Benjamin Britten herauszuarbeiten. Das Wort “Requiem” erinnerte mich ständig an die Mastadon-Werke von Mozart und Verdi, deren Passagen Gänsehaut erregten, als sie nun in meinem Hinterkopf spielten.

Hinzu kam das von mir früher gelesene Wikipedia-Artikel über das Unternehmen “Mondscheinsonate”, der Bombenangriff der Luftwaffe auf die englische Stadt Coventry im Jahr 1940, welcher den verheerenden Zermürbungskrieg in Europa begonnen hatte. Stahl füllte das Himmel und ließ Feuer fallen, im Versuch Vergeltung für die zerstörte Stadt zu gewinnen, Familien, Wohnviertel und ganze Städte der Gegenseite einäschernd. Der Bombenangriff war mit Musik nicht nur wegen seinen verächtlichen Namens verwandt, sondern schuf die Basis für das War Requiem unmittelbar, als in Coventry die St Michael’s Kathedrale aus ihren zerbombten Ruinen wiederauferstande und 1962 zur Urausführung des Requiems ihre Räume anbat.

Gleichzeitig passierte einiges in der Gegenwart, nämlich der Bundestagswahl. Merkwürdige, aber nicht unerwartete Wahlergebnisse sorgten für ein Spektrum von Emotionen, von unkontrollierbarem Lachen zur Panik. Keiner wusste was die Zukunft hält, aber eines war klar: Langweilig wird es auf jeden Fall nicht. Mit solchen Gedanken verließ ich die dunklen Pfade von Planten un Blomen und betrat die Laeiszhalle.

Meine Begleitung konnte nicht kommen, und ich war allein in den herrlichen Hallen. Eine neue Begleitung ließ sich allerdings unproblematisch finden. Ohne weiteres kaperte ich einen braven Herren von der Abendkasse und bat ihm den Sitz im Parterre an.

“Was wollen Sie dafür?”, fragte er mich, durch sein Portmonee blätternd.

Die Frage war wie das Wahlergebnis, sowohl erwartbar als auch überraschend, und überrumpelte mich.

“Kommen Sie einfach so, das passt doch, schade wär’s wenn die Karte umsonst erlischt!”, lächelte ich ihn an, in meinem Hinterkopf jedoch überlegend, welche Summe unter diesen Umständen an der Grenze zwischen Höflichkeit und Marktwirtschaft liegen würde.

Es stellte sich heraus, dass die Tochter dieses Herren im Chor sang und auftreten würde. Als wir unsere Sitzplätze nahmen, versuchte ich anhand der Mimik meines Begleiters zu erraten, wer seine Tochter war, aber ohne Erfolg: Auf die Bühne traten Menschen ohne Ende, ein Chor nach dem anderen stellte sich hin in der flüssigen, häufenden Künstlermasse. Es war eine Verschmelzung von fünf Choren von überall aus Hamburg. Oben, in den linken und rechten Galerien sammelte sich das sechste Chor ein, das Mädchenchor Hamburg. Der neue Freund schaute spastisch links und rechts nach oben - seine Tochter müsste wohl dem Mädchenchor angehören. Die Solisten traten auf die Bühne und es ging los.

Nachdenklicher Glockenruf brach die Stille. Als der erste Teil spielte, sassen die Sopran, Tenor und Bariton vor dem Orchester still und bewegungslos. Musik floss um sie von hinten herum, wenn plötzlich die Engel sangen. Gnädiges Gesang goss von den Galerien in die Parterre und sorgte für Aufregung: Das Publikum drehte ehrfürchtig in Sesseln, als die Engel sangen von der linken zur rechten Galerie in einer himmlischen Unterhaltung. Aber dann verstummten die Engel. Gott verließ den Saal und der Tenor, Michael Connaire, stand auf. Sein schwarzer Anzug mit schwarzem Hemd und schwarzer Krawatte und einem kalten, etwas gleichgültigen Gesicht versprach kein Jübbel. Es war Zeit für die Gedichte von Wilfred Owen, dem englischen Dichter, der dem Ersten Weltkrieg zum Opfer fiel, Feder in Hand. Seine kriegskritischen Texte las ich in Vorbereitung und hörte sie nun zum ersten mal an. Eine lange, unentzifferbare Tirade folgte. Zur Gottes Gnade inkludierte das Programmheft die Gesangstexte; da auf dem Rande habe ich den einen Satz unterzeichnet, welchen ich verstanden habe:

“not in the hands of boys…”

Indeed. Die Meisterschaft von Michael Connaire war aber nicht zu beanstanden. Ohne den Text akustisch verstanden zu haben, fühlte ich alles, was man fühlen sollte. Die Sopran, Johanna Winkel, trug weniger tragische Kleidung, aber hatte so einen verlorenen und traurigen Gesichtsausdruck, dass sie mich an die Serafima vom Bulgakows Stück “Die Flucht” erinnerte: Geschwächt von Typhus und endlosem Leiden, doch stark und stolz in Erwartung des bevorstehenden unendlichen Kampfes. Sie sang mit dem Chor die traditionellen lateinischen Requiem-Passagen mit, in ihren Pausen mit den Lippen weitersängend. Später stieß der Bariton, Georg Gädker hinzu, auch all Schwarzes tragend und mit einer noch kälteren Gesicht, mit Spuren von Shell-Shock und einem 1000-yard-Stare.

“bugles sang, saddening the evening air… bugles sang.”

Zwar stimmte es nicht, denn die “Bugles” waren von Flöten und Klarinetten nachgemacht, aber die Stimmung war gravierend. Die Musik leistete keine Entlastung, sondern schlug mit Granaten und Schreien zurück. Ein paar sanftere Zuschauer verließen den Saal. Aber ich musste weiterkämpfen, denn der Rückzug war von mitten im Parterre unmöglich.

“Our eyes wept, but our courage didn’t writhe. (Death) spat at us with bullets and he’s coughed up shrapnel”

Das fühlte ich. Die Musik brachte Melancholie über mich und ging in den Hintergrund. Ich schaute rum. Es sassen Menschen. Oben hatte ein Engel vom Mädchenchor eingeschlafen, den Kopf auf das Geländer gelegen. Ständig ließ jemand im Saal etwas fallen. Ein Handy klingelte. Die Sopran aß etwas? Nein, das war wohl nicht Essen. Die Harperin saß mit geschlossenen Augen. Schlief sie auch? Ich gähnte. Pause gäbe’s nicht, nur die Schlacht. Der Chor murmelte, das Orchester klapperte. Und dann kam libera me. Wieder dies irae. Alle sprangen in den Sesseln. Dann kamen die Engel zurück: Sie standen in Achtung und lieferten mit der restlichen Musikerarmee die schönen letzten Sätze. Der Dirigent, Frank Löhr, ließ seinen Stab langsam sinken. Beifall.

Mit gemischten Gefühlen stand ich auf und ging zum Ausgang. Kurz schnackte ich mit dem neuen Freund, den ich bei der Kasse abgeholt hatte:

“Wie schön!”

“Unglaublich!”

“Das gibt was nachzudenken! War diese andere Person auf der Bühne…”

“Ja, die zweite Dirigente! Sie hat den Mädchenchor dirigiert, oben.”

“Oha! Alle konnten da auf die Bühne wohl nicht reinpassen!”

“Voll! Allein der Chor meiner Tochter ist 50 Menschen!”

“Es müssten dann heute circa 250 Leute aufgetreten haben!?"

“Ja, wohl…”, sagte der Herr und verschwand, um seine Tochter zu suchen.

250 Musiker hatten gespielt. 2,000 Menschen hatten zugehört. Zwischen Heiligem und Zerrissenem war keine Melodie im Kopf geblieben. Ist Krieg echt so schlimm? War der Sinn vielleicht nicht die Musik, nicht die Lyrik, nicht die Stimmen, sondern das Schrecken von Bomben, die vernichteten, ohne zwischen Schönem und Ekligem, Melodischem und Kakafonischem, Lebendigem und Leblosem unterschieden zu haben? Warum denn jubelte man am Ende, warum bekamen die Solisten und die zwei Dirigenten Blumensträußen, warum lachten die Engel oben in den Galerien? Bei der Uraufführung wurde das Publikum doch gebeten, die neu erbaute Kathedrale ohne zu klatschen, stumm zu verlassen.

Aber der Mensch ist nicht schuld. Der Mensch will jubeln, er mag Blumen und er mag lachen. So wie es immer ist, sucht man nach einer einfachen und lustigen Alternative für deutlich Kompliziertes und Langweiliges. Wie lange kann man das Ram of Pride aus dem Dorn ziehen, bevor man bemerkt hätte, dass Isaac schon längst festgebunden auf dem Altar liegt?

Ich betrat wieder die dunklen Pfade von Planten un Blomen und verschwand in der Nacht.

Requiescant in pace, Isaac.