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Kritik Thomas Ades

by Artem Ocheret

Die einfachste surrealistische Tat besteht darin, mit einem französischen Horn in den Händen auf die Straße zu gehen und so lange wie möglich blindlings in die Menge zu blasen. Das ist die Erwiderung eines der bekanntesten Komponisten und Dirigenten unserer Zeit, Thomas Adès, auf die berühmte Aussage von André Breton. Beziehungsweise meine Interpretation von seinem Concerto for Piano and Orchestra (2018) und Aquifer (2024).

Lass uns von vorne anfangen. Vor Licht und Wind hatte Gott Musik geschaffen. Das ist allgemein bekannt. Musik floss durch die All, vibrierte in der wüsten Erde und plätscherte auf dem Wasser. Etwas später machte aber der Teufel Musik zu seinem übelsten Werkzeug. Sie begann zu verführen und zu verzweifeln, ihretwegen vergoss Blut und brachten Throne zusammen. Trotzdem träumte man von ihr. Wie eine Meise versuchte man sie zu fangen, war aber erfolglos - die Kräfte der Natur gehorchen nicht dem Menschen.

Und dann hat der Teufel das Notenblatt enthüllt. Und baute riesige Konzerthallen unter der Erde. Und gab Anweisungen für das französische Horn. Und der Mensch nahm sie an, ohne die finstere Wahrheit durchzublicken. Und die Welt ging unter. So nämlich.

Viele Jahre sind seitdem vergangen. Und heute, wie damals, steht man vor der Kölner Philharmonie, dem feinsten Werk des Teufels. Herzlich willkommen!

Am Eingang bekommt man Programmhefte und Stifte. Aber die Programmhefte haben A6-Format und sind mit Text vollgepackt - sie bieten keinen Platz für Notizen. Der Teufel lacht, der Schöpfer weint.

Der einfache Espresso wird doppelt serviert. Die Bezeichnungen der Sitzbereiche sind willkürlich vermischt. Zu welcher Garderobe muss ich denn hin - Bereich A-C-D-F oder G-H-L-M-N-Q, wenn ich im Bereich K sitze???

Egal. Man nimmt seinen Platz im Vogelnest und schaut auf die Bühne. Sind das vier Bratpfannen, die sich beim Schlagzeug so bloß und unbeschwert befinden? Kein Plan.

Blick auf die Decke - das ist ja wohl der größte Witz. Wusstet ihr, dass sich der Saal genau unter dem Heinrich-Böll-Platz befindet? Würdet ihr mir glauben, wenn ich euch erzählt hätte, dass wenn man auf diesen Platz tritt - und man muss verstehen, dass dieser Platz ca. 100 Meter vom Kölner Dom entfernt ist - das Dach des Konzertsaals schüttelt? Rollkoffer, klackernde Schuhe, Skateboards und alle sonstigen Gegenstände, die normalerweise auf einem Platz auftreten, rufen im Saal ungeheure Geräusche hervor. Die Lösung? Absperrung des Platzes während der Konzerte und Proben. Die Kosten der Absperrung, insbesondere für das Wachpersonal, betragen jährlich ungefähr 300.000 Euro. Und eine nachhaltige Lösung? Unmöglich, denn der Heinrich-Böll-Platz ist Teil des Gesamtkunstwerks „Ma‘lot“ von Dani Karavan - ohne die Zustimmung seiner Erben kann man dem Platz weder mit festen Einrichtungen versehen noch sonst verändern. Ah die Ironie! Wann wird man endlich verstehen, dass teuflisch gute Vorhaben immer ein gravierendes Aber haben.

Egal. Da treten die Musiker auf. Das Gürzenich-Orchester dirigiert Thomas Adès in eigener Person. Zunächst spielt Prokofjew, Autumnal, ab. Vollständiger Erfolg! Der Saal klatscht und jubelt. Nun wird das Möbel umgestellt. Der Flügel muss in die Mitte. Wo sind die Bühnentechniker? Die haben alle wohl vor Angst vor dem nächsten Stück desertiert. Aber keine Panik! Thomas Adès nimmt die Sache in eigene Hände. Mit seiner linken Arm hebt er den Flügel und wirft ihn über seine Schulter. Keuchen! Der Flügel landet direkt vor Kirill Gerstein, dem Klavier-Virtuosen, einem Freund von Thomas Adès. Es ist er, der Adès zum Schaffen seines Concerto for Piano and Orchestra angeregt hat. Ein brutaler Handschlag schickt Schallwellen durch den Saal. Nun wird es in der Teufelsküche gekocht.

Bam-bam-bam! Man legt los. Ist es wahr oder nur ein Traum? Falsche Frage. Löst euch doch von dem Realen. In Worten von Adès: “Musik zu schreiben und zu spielen, ist völlig surreal”. Ja, es wird poliharmonisch. Ja, es wird jazzig. Und ja, die Tasten-Akrobatik wird bizarr (so Programmheft).

Sind das Stiefel, die auf dem Heinrich-Böll-Platz marschieren, oder ein Klapper? Wer weiß. Kommt das zerstreute Piepsen von der Bühne oder habe ich Tinnitus? Beides möglich. Ist Adès gerade in den Flügel reingefallen, dirigiert aber ungestört weiter mit seinen Beinen?! Reibt eure Augen, reinigt eure Ohren, nimmt zwei Pistolen und schießt euch zweimal in den Kopf. Vielleicht ist es erst dann echter Surrealismus, wenn man zwischen Schall und Musik nicht mehr unterscheiden kann.

Nach dem ersten Satz schreit jemand: “Bravo!”. Der Saal und die Musiker lachen dazu warmherzig. Nach dem dritten Satz werden Gerstein Blumen geschenkt. Zufrieden wie ein Elefant gibt er den Strauß an die erste Violinistin Marina Graumann. Sie versteckt ihn unter den drei Kissen, die auf ihrem Stuhl liegen. Doch klar, für später. In der Zugabe spielt Gerstein ein kleines Klavierstück von Adès. Der Symbolismus des 20. Jahrhundert hallt nach. Es hat keine Melodie, keine Entwicklung und endet mit Stille. Wie eine Rose unter dem Glas - es hat keinen Sinn, aber es existiert trotzdem.

Nach der Pause kehrt Gerstein zurück, ist nun aber alt und geschrumpft, auch wie sein Flügel. Wie die Zeit vergeht… Nun sitzt er in der Ecke und wendet Noten um, ohne zu spielen. Achso, das ist doch nicht er, das ist Paolo Alvares. Gab es Gerstein überhaupt? Wer kann sich jetzt erinnern?

Das nächste Werk, Aquifer, gebe den Klang vom Wasser wieder, welches durch Gesteinsschichten fließt. Das Werk habe einen Satz und sieben Abschnitte. Danke, Programmheft. Man hört, dass es wohl von jemandem verfasst wurde, der Musiktheorie kennt und sie einsetzt, um den Laien zu verwirren. Ohne das Programmheft kann man kaum noch etwas sagen.

Vielleicht liegt es an mir. Vielleicht bin ich einfach die Person, die Formula-1 nur schaut, um historische Unfälle zu bezeugen. Adès weiß das und verwirrt mich vorsätzlich - aus rollendem Start wird Karambolage, aber eine Sekunde später kommt eine Hammelherde aus dem Schutt und Rauch und spielt Cricket. Steht das denn echt so in den Noten? Soll ich klatschen oder was passiert gerade?

Am Ende gab's Sibelius, seine 7. Symphonie. Einer übergibt sein Fagott an seinen Kollegen und läuft durch den Saal, um sich einen guten Platz zu sichern. Zu Recht - es ist sehr schöne Musik. Am Ende vergisst man zu klatschen - so gut ist es. Nun wird das Bild vollständig - the Good, the Bad and the Ugly (ohne Wertung!). Drei Kompositer treffen sich auf einer Bühne und schauen argwöhnisch einander an. Ich sage nicht, wer was ist. Aber Prokofjew ist auf jeden Fall the Bad.

So ist es halt, Kinder. Man mag seine Seele an den Teufel verkaufen, um die Musik, die man in seinen Träumen hört, in einem Notenblatt zu verewigen. Aber der Teufel ist nicht schuldig, dass in den Träumen die Musik von Tom and Jerry auf Ketamine spielt. Braucht es Talent? Auf jeden Fall. Braucht es ein bisschen weniger französisches Horn? Wertungsfrage. Ist es surreal? Ohne Zweifel.

Am Ende geht man unter der Eisenbahnbrücke zum Kölner Hauptbahnhof. Und plötzlich hört man es wieder - zwischen dem Marihuanageruch und Geschrei - Bom-bom, Bom-bom, Bom-bom, KREISCHEN! Bom-bom… Poliharmonisch mit Offset-Beat? Das Konzert geht wohl weiter!