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Kritik Schostakowitsch, Schmidt

by Artem Ocheret (sigma boy)

Die Elbphilharmonie steht am Rand eines Abgrunds. Metallene Wellen schlagen gegen ihren purpurnen Leib, sprühen Gischt und stoßen graue Seufzer aus. Im Großen Saal hat sich eine Versammlung eingefunden. Keiner der Anwesenden wagt es, sich zu rühren. In einem traurigen Frack sitzt Gautier Capuçon. Den Kopf gesenkt, stützt er seinen Körper auf das elegante Instrument. Sein Violoncello zittert und biegt sich unter dem Gewicht seiner vergänglichen Klänge. Nichts stört seinen entrückten Gesang. Nur die Tränen, die wie feine Perlen aus den Augen zweier anmutiger Harfenistinnen rollen, springen klingend über den Boden. Ein gewaltiger Hammer schlägt Nägel in den Deckel dieses schäbigen Sarges. Das also ist es – jüdisches Glück. Schostakowitschs Konzert für Violoncello und Orchester Nr. 2 in g-Moll – was könnte schrecklicher sein? Das ist kein Sonntagskonzert. Das ist keine Musik. Das ist Zwangsarbeit. Eine widerwärtige Parodie auf hohe Gefühle, ein Hohn auf die angeblich melodische Welt, die Gott erschaffen hat. “Die Welt ist nur ein Grinsen, das auf den Lippen eines Gehenkten flackert.” Zu solcher Musik führt man zur Erschießung. Zu solcher Musik kauft man auf dem Markt saure Äpfel für einen Rubel das Kilo. Zu solcher Musik knicken nasse Streichhölzer unter groben, schmutzigen Fingern. Zu solcher Musik läuft braunes Wasser in eine Zinkwanne. Zu solcher Musik schläfst du ein – betrunken und erkältet. Man möchte gehen, doch die Beine tragen einen nicht. Bei Monsieur Capuçon reißen die Sehnen. Mit der linken Hand reißt er die herabhängenden Fäden heraus. Die Zuhörer seufzen, winden sich in ihren Sesseln. Einer, der den Mut aufbringt, hastet durch die Galerie, sucht verzweifelt nach einem Ausgang. Es gibt keinen Ausgang. Aufblitze von weißem Himmel werden rasch vom schwarzen Rauch vorbeifliegender Flugzeuge verschluckt. Du spuckst dir auf den Stiefel und wischt den getrockneten Märzdreck mit dem zerrissenen Ärmel ab. Die giftige Nachbarin aus der Kommunalka reicht dir einen geöffneten Umschlag. Darin: eine Vorladung. Strammstehend vor dem Streifenposten, der sich das Gewehr umgehängt hat und dich mit frecher Fresse wie ein Kind zusammenstaucht, lächelst du und sagst: “Entschuldigung, ich werde es mir merken.” Er, nach Fäulnis und Tabak stinkend, fährt dir scharf dazwischen: “Fort mit dir!” Am Ende verstummt das Violoncello. Eine gespannte Stille tritt ein. Der Führer führt die Hände zusammen – ein leiser Klatscher ertönt. Einer nach dem anderen fallen die groben Hände der Mitglieder der Parteiversammlung in gezügelten Applaus. Ovationen. “Der packt ordentlich zu! Gegen den Strich streichelt er! Das gefällt mir!” Capuçon wischt sich den Schweiß von der Stirn und vom Violoncello. Er lehnt sich erleichtert an die Rückenlehne des Stuhls zurück. Vor der Pause spielt Capuçon The Forest von Bryce Dessner. Der Stimmungswechsel wird von der Versammlung begrüßt. Barocke Traurigkeit, oder eher zeitgenössische Unruhe im barocken Gewand – ein Atemloch nach dem Schostakowitsch-Konzert. Dieses Werk ist persönlich mit Capuçon verbunden. Es ist seine Welt, französisches Flair mit salonhafter Geheimniskrämerei. Was sollte er gemein haben mit der Nacktheit der weltlichen Sowjetischkeit? Nach der Pause erklingt eine ganz andere Musik – die Zweite Symphonie in E-Dur von Franz Schmidt. Ein Nachfolger der Brahms-Schule, oder vielmehr ihr bester Absolvent. Im Gegensatz zu Schostakowitsch trägt diese Musik nicht jene bittere Expressivität und die vom Frost zitternden Hände in sich. Ilja Stephan bemerkt im Programmheft treffend: Diese Musik ist vergleichbar mit großen Gemälden, die ehrwürdig und gelassen die Galerien der bildenden Kunst schmücken. Halbnackte Nymphen empfangen schüchterne Jünglinge in Rüstungen, reichen ihnen Wein und Früchte auf prächtigen silbernen Schalen. Diese Musik erklingt in Gärten, dem menschlichen Blick durch geschnitzte Schlossmauern entzogen, wo junge Damen im Gefolge ihrer Pagen flanieren. Und nur das ferne Grollen seltener Gewitter bietet Anlass zu einer feinen Erregung. Nein, das ist nicht langweilig. Das ist ein Leben, das durch seine Einfachheit und seinen Überfluss bezaubert. Die Dirigentin Simone Young findet auf erstaunliche Weise das Gleichgewicht zwischen diesen zwei völlig unterschiedlichen Werken. Es braucht Mut, den samtigen Vorhang Schmidts vor ungepflegten Grobianen zu öffnen, die kauend dasitzen und düster auf die Bühne starren. Es braucht ebenso Mut, die Tochter eines Lords in die eigene Chruschtschowka-Küche zu führen statt zu dem versprochenen Ball. Doch gerade dieser Gegensatz hinterlässt eine tiefe Spur nach dem Konzert, zwingt zum Nachdenken über Neuheit und Meisterschaft, über die Notwendigkeit der Zerstörung und zugleich der Verehrung des Establishments. Diese zwei relativ unbekannten Komponisten und diese zwei vergleichsweise unauffälligen Werke erteilen die beste Lektion Musikgeschichte – ganz ohne ein einziges Wort.