Am Sonntag, 13.04.2025 spielte das Wiener Kammerorchester Mozart u.a. in der Elbphilharmonie. Zufällig stieß ich auf ein interessantes Kapitel in einem Roman über die Abenteuer des bekannten Fürsten Leopold von Kahlundrau, der in Salzburg gewohnt hatte, als Mozart seine Werke dort uraufgeführt hatte. Hier ist ein kleines Ausschnitt daraus:
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… An dem Abend begab sich der Fürst von Kahlundrau zum gräflichen Hof. Kutschen und Pferden durchwindend strebte er den Hintereingang entgegen. Dort, entsprechend der schriftlichen Einladung eines alten Freunden, mit dem er früher gemeinsam Hofgesinde und seine Maman mit Bubenstreichen in Wahnsinn getrieben hatte und welcher nun im Orchester gegen Lohn Bratsche spielte, sollte er klopfen und den Einladungsbrief zeigen.
(...)
Er presste sich durch die feine Gesellschaft. Sein klobiger grauer Reitmantel brachte ihn zum Schwitzen, aber den auszuziehen kam nicht in Frage: Die Pförtner kannten ihn und sie kannten vor allem seine etwas modeste Großzügigkeit, was Trinkgeld anging.
“Trinkgeld brauche ich ja selber”, dachte von Kahlundrau zu sich. “Und nur die Reichsten können es sich leisten, nachher halbe Stunde in der Schlange auf einen Hut zu warten. Nein, mein Herr, Zeit ist Geld!”
Sein Degen zog hier und da Säumen von Kaftans und Kleidern hoch.
“Verzeihung, verzeihung… ”, lallte er und schieß weiter in die Tiefe der gräflichen Hallen.
In der Ferne erblickte er die Baroness von Breitacker, die mit einem Champagnerglas balancierte und umgeben von Galanten und Freundinnen an der Sektbar stand. Ihr prachtvolles, pfirsichrotes Kleid mit Atlas Schleifen tan sich der gnädigen Gesellschaft hervor. Von Kahlundrau versuchte, ihren Blick zu entkommen, aber es war zu spät.
“Lieber Leopold! Kommen Sie zu uns!”, rufte ihn die Baroness zu.
Von Kahlundrau lächelte ihr scheu zu und drängte sich zur Sektbar vor, und trat mit seinen schweren Stiefel auf manch adligen Stiefel.
“Probieren Sie es mal, der Graf verwöhnt uns mit herrlichem Wein!”, die Baroness wies mit einem süßen Nick auf die Bar hin.
Der grazile Lakai mit einem breiten Lächeln, der die Sektbar betrieben hat, warf einen finsteren Blick auf von Kahlundrau, ohne mit dem Lächeln aufzuhören. Auf der Bar befand sich ein Schild: “1 Glas Champagner - € 20,00”.
“Gnädige Baroness! Ich habe mit dem Trinken aufgehört!”, lügte von Kahlundrau.
(...)
Das elegante Publikum hustete, lachte und schwatzte. Das Licht fing an zu verdämmern und aus der Lounge kam ein herrisches "Schhhh!". Musikanten traten auf die Bühne. Es fing mit dem ersten Satz der neuen Mozarts Sinfonie Nr. 33 B-Dur an.
Ehrsame Töne schwebten leicht durch den Saal auf. Musik entstand graziös, energetisch und dynamisch. Es scheinte, dies war dem Konzertmeister, Wolfgang Redik, zu verdanken, welcher graziös und sehr energetisch in seinem Stuhl sprang, sehr fest die Geige in den Händen haltend, damit sie nicht in die Bläser flog. Er erinnerte von Kahlundrau an einen Nussknacker mit seinen abrupten und übertriebenen Bewegungen. Ab und zu würde er in neuem Ansturm auf den Boden mit beiden Füßen stampfen.
“Prachtvoll!”, dachte von Kahlundrau, “So setzt man wohl Akzente!”
Der Dirigent, Wilson Hermanto, stellte ein komplettes Gegenteil zum Konzertmeister dar. Er regierte das Orchester mit kalkulierten Handgesten, er war streng, knapp und hatte immer Recht. Seine Füße hatten in den Boden hineingewuchsen, denn nur so konnte er die rasenden Klänge in einen einheitlichen Strom bringen.
Von Kahlundrau fing an, einen Brief an seine Mutter gedanklich zu verfassen. Sein letzter Brief war einige Zeit her, und der Mangel an Korrespondenz mit seiner Mutter spiegelte sich in seiner finanziellen Lage.
“Maman aimée!
wie geht es Ihnen? Mir geht es gut, aber die Provinz bringt mich zum Ersticken. Zwar ist es nicht allzu schlecht - heute Abend war ich auf einem Konzert von Mozart, vielleicht kennen Sie ihn? Musique à la mode, halbwegs amüsant… Frederick spielte da die Bratsche, Sie erinnern sich wohl an ihn? - Aber ich denke stets an… “
Der Saal explodierte mit Beifall nach dem ersten Satz der Symphonie. Der Dirigent schaute irritiert hinter sich und wartete ab, bis sich das Publikum beruhigt hatte. Der 2. Satz hob an.
“Maman! Die Menschen hier sind ungebildet und grob. Nun zum Beispiel: Es gibt immer eine Sau, die zwischen den Sätzen zu klatschen anfängt - und plötzlich klatschen alle, ohne Selbstbewusstsein und Takt. Ich klatsche nicht - ich weiß ja, dass man erst am Ende klatscht. Aber es braucht nur einen Barbar, damit der Hexenkessel kocht! Und dann müsste man wohl ständig nach jedem Satz klatschen, denn sonst scheint es, dass die weiteren Sätze niemandem gefallen haben. Mon dieu, maman… “
Der dritte und vierte Satz gingen vorbei und eine kleine Pause wurde angelegt. Ein Junge eilte zum Dirigentenpult mit den Noten für den nächsten Teil des Konzerts, Mozarts Violinkonzert Nr. 4. Der Junge hatte bloße Haare und trug nur einfaches Hemd. Von Kahlundrau traute seinen Augen nicht.
“Maman! Ich kann den provinziellen Stallgeruch nicht mehr ertragen. Ich weiß, was Papa dazu denkt, aber Paris wäre die Stadt für mich! Nur dort könnte ich mich richtig entfalten…”
Das Publikum und die Musikanten husteten zum guten Maß und auf die Bühne trat der Solist, Sir Michael Barenboim. Er trug einen herrlichen schwarzen Anzug mit rosa Veste und eine knallrote Krawatte. Ein edelweißes Hemd mit pfiffigen Kragen riß alles zusammen. Von Kahlundrau schluckte.
Das Orchester fing an. Der Solist stand alleine, scheu sich von Fuß zu Fuß abwechselnd, und zuweilen seine Nase kratzend. Plötzlich legte er die Geige zwischen Kinn und Schulter und drückte darauf. Ein Klang entstand. Mit maximaler Präzision entstand der nächste Ton. Skrupulös und akkurat berührte der Solist seine Geige, und die Geige gehorchte. Der Solist setzte an mit zögerlich-konzentrierten Ausdruck im Antlitz, als ob er die Geige zum ersten Mal angefasst hätte, als ob er sie zum ersten Mal ausprobiert und erprobte, welche Klänge bei ihr möglich sind. Während seiner Soli, während das restliche Orchester schwieg, beobachteten ihn die Musikanten, manche befremdet, manche mit einem leicht versteckten Lächeln. Manche schauten mit Fischaugen vor sich hin, ersoffen in den puren Klängen. Ab und zu machte die Geige einen Ton, bei dem die Geige selbst nicht wusste, dass sie es kann. Nach dem ersten Satz wischte der Solist den Schweiß von seiner Stirn und beugte zu gewaltigem Applause.
In dem nächsten Satz musste von Kahlundrau lachen - Frederick, sein Freund, der die Bratsche gespielt hatte, führte seine Partie viel zu laut ein, was den Dirigenten erschreckt hatte. Frederick ließ seinen bösen Blick über seinen Kopf fliegen und spielte weiter mit dem unveränderten, selbstvergessenen Gesichtsausdruck weiter. Sein Kollege, der auch eine Bratsche gespielt hatte, hatte einen Bart. Von Kahlundrau merkte in seinem Tagebuch an:
“Frederick fragen, ob die Bratsche den Bart juckt”
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Von Kahlundrau schrieb seine Mutter am Ende:
“... ich weiß, was Papa sagen wird, aber ich bitte Sie, ihn zu überzeugen! Für mich ist kein Platz in Salzburg, in diesem Dorf. Als das Violinkonzert das Ende näherte, war es so schön, so zart, so himmlisch leicht! Und dann musste jemand bei dem allerletzten Klang keuchend niesen, gedehnt und taktlos. Er musste den Gegenton so präzise getroffen haben, dass das Ende vom Gottesgesang zum Farce wurde.
Übrigens, ich machte eine neue Erfindung. Erzählen Sie niemanden! Wissen Sie, wie hektisch Geigenspieler die Noten wenden müssen? Das müsste wohl so nicht sein - stellen Sie sich vor, eine kleine Klammer am Ende des Bogens… Wenn Sie mir ein bisschen Geld für den Prototyp schicken könnten, wäre ich Ihnen sehr dankbar!
Und darüber hinaus habe ich eine neue Wende beim Geigespielen herausgedacht - mit Füßen während des Spielens stampfen. Très formidable!
Ihr geliebter Sohn, L.v.K.”
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Also.
Am Abend begab ich mich zu Hamburgs Death Star, die Elphie, Fahrräder und Taxis durchwindend…