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Kritik Dvořáks 9. Symphonie

by Artem Ocheret

Die 9. Symphonie „Aus der Neuen Welt“ ist nicht nur Dvořáks populärste Symphonie. Sie ist eines der beliebtesten und bekanntesten Musikwerke der gesamten Menschheitsgeschichte. Sie ist leicht zu verstehen. Gleichzeitig hinterlässt jeder ihrer Sätze einen Schleier ungelösten Geheimnisses. Ihre Melodien sind lakonisch. Und zugleich verweben und verwachsen sie miteinander und verwandeln sich in einen Garten des Vergessens und der kindlichen Freude. Ihre explosive Energie ist mit nichts zu vergleichen, außer vielleicht mit einem blitzschnellen Kavallerieangriff, der unter flatternden Fahnen durch Rauch und das Zerreißen der Geschütze hindurch direkt ins Getümmel des Nahkampfs stürmt. Und zugleich ist sie ruhig und wohlüberlegt. In ihr gibt es keinen einzigen überflüssigen Lauf, keine einzige Harmonie, die fehl am Platz wirken könnte. Dies ist die letzte Symphonie eines großen Meisters. Dies ist die Spätromantik. Dies ist die Apotheose der Schönheit, nach der bekanntlich alles bergab ging.

Die 9. Symphonie ist meine Lieblingssymphonie, ohne jede Übertreibung. Ich kenne sie vor allem in der Interpretation von von Karajan, wie wohl jeder, der sie auf Schallplatten oder Spotify hört. Von Karajan ist, wie es sich gehört, streng und stur; bei ihm ist alles bis ins kleinste Detail herausgemeißelt. Man wirft ihm gern mangelnde Vielfalt und fehlende Interpretationsfreiheit vor – angeblich habe er überall denselben Rhythmus, lehne jede neue Lesart ab und überhaupt sei er schließlich NSDAP-Mitglied gewesen; was könne man denn erwarten?

Dennoch beschränkt sich von Karajans dirigentisches Vermächtnis nicht nur auf seine Beteiligung an der Entwicklung der ersten CDs – seine Stimme hatte Gewicht, und gerade er bestand darauf, dass eine CD nicht 60, sondern 75 Minuten Musik fassen sollte, damit die gesamte 9. Symphonie Beethovens darauf passen würde. Seine sparsamen und schmerzhaft „richtigen“ Interpretationen klassischer Werke gingen nicht als Pedanterie alternder Konservativer in die Geschichte ein, sondern wurden zum Maßstab akademischer Aufführungspraxis: genau so ist es richtig, genau so ist es am besten, genau so hat es der Komponist gemeint.

Es ist schwer, einem solchen Mastodon etwas entgegenzusetzen. Aber bedeutet das, dass Dirigenten späterer Generationen seine Methodik wie den Talmud auswendig lernen müssen, damit sie - Gott bewahre - nicht mit einem falschen Akzent oder einem vulgären Spiel mit dem Rhythmus sündigen? Natürlich nicht. Von Karajan ist weder Gott noch ein Heiliger, sodass man ihm in allem nacheifern müsste. Er ist lediglich ein solides Fundament, ein musikalischer Grundstein, die „alte Schule“.

Nun denn, nach dieser langen Einführung kommen wir zur eigentlichen Kritik. Es war der 7. Juni 2026, als ich und sieben meiner Freunde in die Laeiszhalle kamen. Über den ersten Teil, Rachmaninows 3. Klavierkonzert, hat euch Harry bereits berichtet. Eines möchte ich noch hinzufügen: Von unseren Plätzen ganz hinten im 2. Rang, hinter Säulen und buchstäblich hinter allen anderen Zuschauern, konnte man gut hören, aber nur wenig sehen. Doch die Schlagzeuge und ihr strenger Beherrscher Alexander Radziewski waren gut sichtbar. Manchmal sah ich den Kopf der Dirigentin Delyana Lazarova. Einmal gelang es mir sogar, die Hände des Pianisten Szymon Nehring zu sehen, der an diesem Tag den Sir-Jeffrey-Tate-Preis erhielt. Durch einen schmalen Spalt zwischen den Verzierungen des Geländers, den Sesseln und den Schultern der glücklicheren Zuschauer huschten sie flink über die Tasten. So.

Andererseits wäre es seltsam, sich über die Plätze zu beschweren – die Karten kosteten sechs Euro pro Person. Für diesen Preis würde ich mir Rachmaninow und erst recht Dvořáks 9. auch auf einem Bein stehend anhören.

Nach der Pause setzte ich mich auf Harrys Platz im Parkett. Einen Unterschied gibt es natürlich, und er ist deutlich spürbar – ich fühlte mich wie DiCaprio auf der Titanic, der sich aus der dritten Klasse in ein Restaurant voller Kristall und Geldsäcke vorgearbeitet hat. Sehr schön.

Und dann hatte das süße Warten ein Ende. Der Beginn. Langsam. Die Pausen ziehen sich, als würden die Musiker versuchen, sich daran zu erinnern, wie es weitergeht. Interessant.

Dann erreichen wir die erste, sozusagen, Katharsis – das Adagio weicht dem Allegro molto, die Musik geht in Galopp über. Schnell. Sehr schnell. Zu schnell? Als würde das Orchester versuchen, diesen ersten Satz möglichst rasch hinter sich zu bringen.

Und wieder langsam. Crescendo – schneller. Decrescendo – langsamer. In meinem Kopf spielt der langweilige von Karajan. Ich höre in Gedanken, wie er methodisch Akzente und Einsätze herausarbeitet, wie ein Metronom. Von der Bühne hingegen kommt eine Wand aus Musik – alles gleichzeitig, verschmolzen zu einem einzigen dröhnenden, donnernden Haufen.

Der zweite Satz. Hier ändert sich das Bild. Sanfte, friedliche Klänge. Kein Pathos. Und hier beginnen die Tempowechsel zu helfen. Plötzlich erblüht eine Melodie, die bei von Karajan vollkommen einfach, ruhig, hell, - sagen wir einmal - nebensächlich wirkte, für mich in völlig neuen Farben. Nuancen erscheinen. Tiefe entsteht. Konzertmeister Adrian Iliescu führt ein außergewöhnliches Violinsolo vor. Wieder schwebe ich in einer Fantasie dahin, getragen vom süßen Wind der Klänge.

Der dritte Satz. Wunderbar. Das Tempo verändert sich, bringt aber nicht aus dem Konzept. Die Zeit fliegt, der Fortschritt schreitet mit kalten Schritten in die Ferne. Gut.

Der vierte Satz. Das große Finale. Was wird nun geschehen? Schnell, schnell, schnell! Hier passt das absolut. Die Kavallerie bricht in den Rücken des Feindes ein! Die feindliche Formation zerfällt, alle rennen, schreien, Schüsse krachen! Ja. Genau das ist es.

Also. Laut Programmheft ist die Dirigentin Delyana Lazarova in Musikkreisen als Musikerin unter Musikern bekannt. Sie ist offen für den Dialog und tut bewusst, was sie tut. Ihre Interpretation ist stark – besonders im zweiten Satz haucht sie (zumindest für mich als Zuhörer) der uralten Symphonie einen völlig neuen Sinn und neue Tiefe ein. Aber es gibt ein Aber. Es entsteht der Eindruck, dass nicht alle Musiker mit den Neuerungen Schritt halten. Der Beweis dafür ist der erste Satz. Ich will ehrlich sein - mir schien, als läge ein Gefühl von Unsicherheit in der Luft, welches verhinderte, dass sich die Pracht des ersten Satzes entfalten konnte. Dennoch fanden die Musiker im Verlauf des Stücks, besonders die Bläser, ihren Rhythmus und verfehlten ihre Einsätze nicht mehr (von äußerst seltenen Ausnahmen abgesehen).

Meine Freunde, die die 9. Symphonie zum ersten oder zweiten Mal hörten, waren unglaublich begeistert. Rachmaninow verstanden sie nicht und der erste Teil des Konzerts hatte sie etwas niedergeschlagen, doch Dvořák versetzte sie in kompromisslose Begeisterung. Und nicht nur sie – der ganze Saal applaudierte stehend. Ich übertreibe nicht: der ganze Saal, das Parkett, die Galerien, die Alten, die Jungen – alle. Und nicht nur Dvořák blieb Gegenstand der Bewunderung – all meine Freunde schätzten auch Delyana Lazarova selbst sehr, ihre Plastizität, die anmutige Leichtigkeit, mit der sie sich an das Orchester wandte und Vertrauen und Schönheit ausstrahlte. Was also von Karajan angeht – ein unangenehmer alter Kauz. Die Jugend lebt und bewegt die Planeten, und es ist nicht an uns, sie in die kargen Vorstellungen der Vergangenheit einzuschmieden.

Den Zuhörer kann man nicht täuschen. Fehler, Ungenauigkeiten, Speichel in den Mundstücken – Kleinigkeiten. Das Wichtigste ist, was jeder gehört hat: Da ist die Prärie, da ist das Pfeifen der Lokomotive und das Klappern der Hufe, da ist er, der Fortschritt der freien Welt – Antonín Dvořáks 9. Symphonie „Aus der Neuen Welt“.