Buddhismus.
Die scharfen Himalaya-Gipfel blenden den Blick des von unten Hinaufschauenden, indem sie die abendliche Sonne spiegeln, die im Tal untergeht. Auf den zahlreichen verwitterten Dächern sitzen träge wohlgenährte Makaken, die schläfrig den Menschen in roten und orangefarbenen Roben zusehen, die zügig die steilen Straßen hinaufgehen. Über ihnen kreisen zwei Adler. Sie fliegen hoch. Und doch hatte ich das Gefühl, ich könnte sie von meinem Balkon aus mit der Hand erreichen. Die Stadt Dharamsala, in der ich eine Woche verbracht hatte, zog sich fast vom Talboden bis ganz nach oben, dorthin, wo nach weiteren fünfhundert Metern bereits der Gletscher begann. Die Adler schossen pfeifend an meinem Balkon vorbei und verschwanden in der Ferne, gewannen rasch an Höhe und blieben dabei doch auf derselben Ebene wie ich. Rechts von mir stand ein fünfstöckiges Gebäude – eine Schule für junge Buddhisten. Und noch etwas weiter rechts lag der Tempel des Dalai Lama selbst.
Jetzt aber bin ich in Bonn. Und hier findet die Premiere der Oper “Awakening“ statt.
Weder vom Komponisten Param Vir noch vom Librettisten David Rudkin hatte ich zuvor gehört. Ich wusste nur, dass es sich um eine zeitgenössische Oper handelt und dass es besser wäre, meine Erwartungen nicht zu hoch anzusetzen. Was ich mir ungefähr vorgestellt hatte: der Verzicht auf klassische Bühnenbilder zugunsten von etwas Abstraktem und Funktionalem, experimentelle polyphone Musik und am Ende dieses typische Gefühl aus Ratlosigkeit und Inspiration. Schließlich ist die Geschichte vom Werden und Wandern Buddhas kein gerade alltägliches Thema für eine europäische Oper.
Der erste Akt begann durchaus vielversprechend. Besonders beeindruckend war das Ausmaß der Kulissen – das Geschehen spielt in einer Schleuse, die beinahe in Originalgröße gebaut wurde. In der Mitte: eine kleine, symbolische Kiesbarge und ein Kran. Für mich als Hamburger ein Bild, das fast schon als selbstverständlich wirkt. Industrial-Oper – oh ja.
Langsam strömten Menschenmengen auf die Bühne, etwa fünfzig Personen. Um es vorwegzunehmen: Das Operngeschehen ist gewissermaßen ein Schauspiel einer wandernden Truppe, das von einer Chor-Menge „Zuschauer“ betrachtet wird. Geleitet wird das Ganze von einem unscheinbaren Mann, gespielt von Mark Morouse. Es erinnert ein wenig an eine klassische postmoderne Ballade über Obdachlose – so etwas wie die Kaliki-Pilger aus Sorokins Roman Der Zuckerkreml. Auf den Gesichtern tragen alle Strümpfe oder Sturmhauben. Ein Zeichen dafür, dass sie noch nicht erleuchtet sind.
Also beginnt das Singen. Sie singen und singen – über dies und jenes. Ich als ungebildeter und unkultivierter Mensch habe bis heute nicht verstanden, warum in der Oper wirklich jedes einzelne Wort gesungen werden muss, besonders wenn dadurch weder mehr Melodie noch mehr Bedeutung entsteht. Wenn jedes Ausrufewort, jede kurze Erwiderung und jede flüchtige Bemerkung ausgesungen wird, entsteht irgendwann der Eindruck, der Komponist wolle einfach nur meine Zeit (und meine Nerven) strapazieren. Zumal in den ersten dreißig Minuten alle mit einem gleichförmigen, wehmütigen Bariton singen, der sich weder im Timbre noch in der Melodie wirklich unterscheidet. Die Stimmen von Cody Quattlebaum (Prinz Gautama, später Buddha), von Mark Morouse und Christopher Jähnig (dem König und Vater Buddhas) verschmelzen zu einem einzigen, gleichförmigen Monolog.
Auch die Musik rettet nichts. Sie ist manieriert, chaotisch, polychromatisch und weckt eher Gedanken an den Tod. Die „Zuschauer“-Massen laufen ständig hin und her, wuseln über die Bühne, tuscheln beinahe miteinander und benehmen sich ziemlich rüpelhaft. Abgesehen von einer Szene im ersten Akt, in der sie tatsächlich einmal als Chor singen, füllen sie einfach nur Raum. Zwischendurch schieben sie drei Papphocker hin und her, auf denen drei Cellistinnen sitzen (eine davon spielt wohl Geige oder Bratsche – egal). Eine sechsköpfige Tanzgruppe bewegt sich lose dazu oder steht einfach mit offenem Mund auf der Bühne herum. Insgesamt wirkt es, als wüsste niemand so recht, dass man gerade auf einer Bühne vor Publikum steht – oder als hätte man die Oper erst gestern zum ersten Mal geprobt und würde nun versuchen, sich zu erinnern, was man als Nächstes tun sollte.
Die Stimmung wird zunehmend bedrückend. Als ich von meiner Reise aus Indien zurückkehrte, musste ich einen Tag in Neu-Delhi verbringen. Am Tag zuvor hatte ich mir den Magen verdorben, und nachdem ich die Nacht damit verbracht hatte, mich vollständig zu entleeren, kam ich schließlich am Central Bazaar an, wo mein Hotel lag. Der Weg dorthin war nicht leicht: Um zehn Uhr morgens lag die Temperatur bereits bei etwa 43 Grad. Hungrig und dehydriert schleppte ich meinen schweren Rucksack, wich träge Rikschas, Mopeds, Taxis, Kühen und Staubwolken aus, die die Ladenbesitzer aufwirbelten, während sie den Schmutz ihrer Geschäfte direkt vor meine Füße kehrten. So schleppte ich mich etwa dreißig Minuten durch eine vieltausendköpfige Menge – Minuten, die mir wie eine Ewigkeit vorkamen. Genau dieses Gefühl von schwindender Hoffnung und Ausweglosigkeit stellte sich auch im Zuschauerraum der Bonner Oper wieder ein.
Vor Beginn wurde übrigens eine Durchsage gemacht: Die Hälfte der Mitwirkenden und Bühnenarbeiter sei krank, werde aber trotzdem auftreten. Man bitte um Verständnis für eine etwas längere Pause wegen des Bühnenumbaus und für leicht angeschlagene Stimmen. Nun gut – das Thema Krankheit, eine der drei Offenbarungen, die Prinz Gautama überhaupt erst auf den Weg zum Buddha brachten, wurde also gründlich behandelt.
Als Buddha schließlich Erleuchtung erlangt und sich den Strumpf vom Kopf zieht, beginnt die Pause. Und sofort stellt sich die berechtigte Frage: Muss man wirklich bis zum Ende bleiben? Die Hauptaussage scheint doch bereits klar – die Welt ist Leiden, also lassen wir das Ganze lieber.
Doch es wurde eine bewusste Entscheidung getroffen. Oder, wie man auf Englisch sagt: morbid curiosity siegte.
Im zweiten Akt wurde es tatsächlich etwas leichter. Plötzlich klang die Musik harmonischer, eine Melodie tauchte auf – sogar so etwas wie Schönheit. Daraus lässt sich schließen, dass Param Vir durchaus schöne Musik schreiben kann, wenn er möchte. Vielleicht war der zuvor erlebte Horror also Teil unseres spirituellen Weges. Im Programmheft, das vier Euro kostete, steht übrigens tatsächlich eine Anleitung, wie man sich auf die Oper vorbereiten soll: Augen schließen, sich aufrecht setzen, auf den Atem konzentrieren, die eigene Präsenz spüren und dreimal innerlich sagen: „Möge ich glücklich sein.“ – „Möge ich gesund sein.“ – „Möge ich mit Leichtigkeit leben.“ Hurra.
Parallel dazu herrscht im Stück Krieg. Das ist wichtig. Im Hintergrund hört man immer wieder Schüsse. Am Ende des ersten Aktes endet Buddhas Erleuchtung mit Explosionen, Rauch, Schreien und der Flucht aller Schauspieler von der Bühne. Im zweiten Akt sehen wir statt der Barke nur noch einen Haufen Trümmer. Das ist nun die Bühne für den gesamten zweiten Akt. Ein starkes Bild: Krieg ist immer da, ob wir wollen oder nicht. Es ist aktuell. Es ist beängstigend. Manchmal wirkt es etwas komisch – etwa wenn Bombenexplosionen durch das Knallen kleiner Böller ersetzt werden. Aber gelegentlich ist es genial: wenn das Pfeifen einer fallenden Bombe plötzlich in einem grellen Lichtblitz endet, der den ganzen Saal blendet. Der Zuschauer sieht sich selbst – er sitzt da, nackt und hilflos, ohne einzugreifen in den Horror auf der Bühne. Wenn das Licht wieder ausgeht, liegen alle Schauspieler zwischen den Trümmern. Einige schreien, andere weinen. Manche versuchen, Angehörige auszugraben. Das ist wirklich erschreckend.
Buddha selbst bildet dazu einen grellen Kontrast. Er singt flache, banale Reden, verkündet Binsenweisheiten und tut das mit einem Pathos, das fast schon nach Psychose klingt. Nach mehreren solcher Szenen erscheint Buddha nicht mehr als heiliger, gütiger Mensch – sondern als Farce. Und allmählich wirkt alles wie eine Farce: ein paar Obdachlose spielen im Dreck, auf den Trümmern brennender Städte, ein billiges Stück über Buddha, während alle mit offenem Mund zusehen und Bomben auf sie herabfallen. Vielleicht ist das alles eine Satire, die uns Europäern einfach entgeht?
Vielleicht würden echte Buddhisten über diesen Albtraum lachen und all die Witze und Anspielungen erkennen, die für uns unsichtbar bleiben. Dann würde plötzlich vieles Sinn ergeben: die höhnische Musik, das matte Schauspiel, das Chaos auf der Bühne, das endlose monotone Singen gegen das Orchester an. Als im ersten Akt das Pferd – der Diener des Prinzen Gautama – stirbt, legt er seinen Kopf auffallend lange auf die abgenommene Maske, einen Pferdeschädel, als würde er sich zum Schlafen niederlegen. Und vielleicht steckt auch mehr dahinter, wenn die Mutter eines bei einem Bombenangriff getöteten Kindes Buddha einen kleinen rosa Kinderschuh hinhält – ganz wie in Hemingways berühmtester Kurzgeschichte. Und vielleicht fügt sich auch das Finale, in dem der Chor ruft: „Wir sind Hunderte, wir sind Tausende, wir sind Millionen – wir können das Böse besiegen!“, als bittere Ironie über die Hilflosigkeit des Buddhismus gegenüber der blinden Gewalt unserer Welt.
Als ich krank aus Dharamsala abreiste und schwankend am Gate stand – kurz nachdem ich mich im Flughafenklo übergeben hatte, weil ich versehentlich einen salzigen Tees bestellt hatte – kam ein Mann in orangefarbener Robe auf mich zu. Er begann ein Gespräch. Wohin ich fliege, fragte er. „Nach Hamburg“, antwortete ich. Er fragte, ob mir Dharamsala gefallen habe. Ich sagte, dass diese Reise – neben den schönsten Landschaften, die ich je gesehen habe – voller mystischer und spiritueller Erfahrungen gewesen sei. Nur eines hätte ich verpasst: die morgendliche Meditation und eine Begegnung mit dem Dalai Lama. Ich fühlte mich zu sündig, zu unwürdig dafür. Er lächelte. Dann fragte er, ob ich auf den Triund Hill gestiegen sei, den 2850 Meter hohen Gipfel bei Dharamsala. Ich sagte: leider nein. Er meinte: Schade. Von dort oben sehe man eine Aussicht, gegen die die ganze Schönheit des Vorgebirges verblasse. Aber egal, sagte er – wenn du zurückkommst, hast du wenigstens noch etwas zu tun.
Dann ging er weiter.
Und mir wurde plötzlich leichter. Der Schmerz ließ nach, und ich spürte wieder Kraft und Zuversicht. Vielleicht liegt genau darin die wahre Weisheit des Buddhismus: nicht im Pathos, nicht in Legenden über Prinzen, die zu Heiligen werden, nicht im Versuch, irgendeinem Format zu entsprechen. Sondern im einfachen Gespräch zwischen zwei Menschen. Ohne übertriebene Anteilnahme, ohne künstliche Besorgnis. Ein Gespräch, nach dem man wieder Hoffnung hat, dass man doch noch ein besserer Mensch werden kann.
Über die Oper lässt sich ansonsten wenig sagen. Fazit: großartige Bühnenbilder, Kostüme und Spezialeffekte. Die Inszenierung und das Schauspiel besitzen noch deutliches Entwicklungspotenzial. Über Libretto, Musik und Gesang schweige ich höflich.
Om.