Am 8. April 2026 erfuhr Hamburg die Namen der neuen Preisträgerinnen und Preisträger des City Kunstpreises für bildende Kunst. Etwa 130 Gäste – darunter auch ich – hatten die seltene Gelegenheit, an der jährlichen Preisverleihung teilzunehmen, die seit inzwischen fünf Jahren von der Carolina d’Amico Stiftung organisiert wird.
Vier junge Künstlerinnen und Künstler wurden ausgezeichnet – und das keineswegs zufällig. Wie mir der Galerist Ronald Wendorf, der ebenfalls bei der Zeremonie anwesend war, sagte, handelte es sich keineswegs um ein Fest bescheidener Meisterschaft oder gar um einen Akt der Wohltätigkeit gegenüber übersehenen Künstlern. Vielmehr war der Abend eine Art Sneak-Peek in die Zukunft – ein kurzer Blick darauf, wie die bildende Kunst von morgen aussehen wird.
Die diesjährigen Preisträger sind Masterstudierende der HAW und der HFBK: Max Klein, Alexandra Rygus, Wei Zhu und Ona Lillet.
Doch worin bestand eigentlich dieses „neue Wort“, das an diesem Abend so viele Menschen zusammenbrachte? Für wen ist es bestimmt – und vor allem: Wer entscheidet, dass gerade diese vier aus allen Masterstudierenden die wichtigste Auszeichnung der Stadt verdienen?
Beginnen wir mit der letzten Frage.
Wer genau in der Jury des Carolina-d’Amico-Preises sitzt, war an diesem Abend eines der meistdiskutierten Themen. Das überrascht kaum: Ein privater Fonds, der Preise in einer Branche wie der bildenden Kunst vergibt – einer Branche also, in der objektive Qualitätsmaßstäbe kaum existieren –, steht zwangsläufig vor der Aufgabe, solche Maßstäbe zumindest ansatzweise zu definieren.
Viele Gäste gingen davon aus, dass neben den Prof. Martin Köttering und Prof. Christian Hahn, die als Präsidenten ihrer Hochschulen ihre Studierenden nominieren, auch Carolina d’Amico selbst eine Stimme im Auswahlprozess haben müsse. Schließlich gilt sie als eine der wichtigsten Förderinnen der norddeutschen Kunstszene. Seit fünfzehn Jahren organisiert und finanziert sie Ausstellungen und Projekte, veröffentlicht Kataloge und ist ständig auf der Suche nach jungen Talenten. Ihr Ziel, so sagt sie selbst, sei es, Hamburg etwas zurückzugeben – jene bedingungslose Unterstützung, die sie einst selbst erhalten habe.
Umso überraschender war die Information, dass Carolina d’Amico selbst nicht an der Entscheidung über die Preisträger beteiligt ist. In dieser Frage haben die Prof. Martin Köttering und Prof. Hahn völlige Entscheidungsfreiheit – ihr Geschmack, ihre Erfahrung und ihr professionelles Urteil gelten der Stiftung als verlässliche Grundlage.
Die Verantwortung, die damit einhergeht, ist entsprechend groß. Der City Kunstpreis zählt zu den wenigen bedeutenden Auszeichnungen für bildende Kunst in Hamburg und dient nicht nur lokalen Galeristen, sondern auch der internationalen Kunstszene als Orientierung. Wie Ronald Wendorf es formulierte, funktioniert der Preis beinahe wie ein Prädikat im Abschlusszeugnis eines Kunststudiums. In einer Welt, in der der Marktwert eines Künstlers oft über dessen Erfolg entscheidet, kann eine solche Auszeichnung ein entscheidender erster Schritt sein.
Die Zeremonie zog Gäste aus ganz unterschiedlichen Bereichen an. Neben Galeristen waren zahlreiche Künstlerinnen und Künstler, Sängerinnen und Sänger, Verleger, Banker, Politiker und Vertreter anderer – eher „praktischer“ – Berufe anwesend. Viele verband nicht nur ihr Interesse an der Kunst, sondern auch ihre Bekanntschaft mit Carolina d’Amico selbst – und die Bewunderung für ihre Herzlichkeit und Energie, die sie trotz ihres beachtlichen Alters ausstrahlte.
Der offizielle Teil des Abends fand im prachtvollen Foyer des Levante-Hauses statt. Nach der Preisverleihung begaben sich die Gäste eine Etage höher in den Ausstellungsraum, wo die Werke der Preisträger präsentiert wurden – und wo Interessierte diese auch erwerben konnten.
Gegen Ende des Abends, als sich die Reihen langsam lichteten, gelang es mir, mit den Preisträgern ins Gespräch zu kommen. Drei Fragen interessierten mich besonders: Wie wollen sie das Preisgeld verwenden? Halten sie den Wettbewerb für fair? Und gibt es heute überhaupt noch Hoffnung für junge Künstlerinnen und Künstler?
Alexandra Rygus sagte mir, dass für sie nicht das Geld, sondern vor allem die Anerkennung und die neuen Kontakte die eigentliche Auszeichnung seien. Ähnlich äußerten sich auch Wei Zhu und Ona Lillet: Sie planen, das Preisgeld in neue Arbeiten zu investieren.
Ona Lillet sprach auch über eine weniger romantische Seite des Künstlerberufs. Allein die Farbe für die Produktion eines einzigen Gemäldes könne bis zu 600 Euro kosten – und das ja ohne den Arbeitsaufwand einzurechnen. Unter solchen Bedingungen arbeiteten viele zeitgenössische Künstler faktisch für einen Mindestlohn. Dennoch, so Lillet, arbeite ein Künstler immer weiter – unter allen Umständen.
Max Klein wiederum erzählte, dass er das Preisgeld nutzen wolle, um ein eigenes Atelier zu mieten – eine durchaus nachvollziehbare Verwendung angesichts des Hamburger Immobilienmarktes.
Auf die Frage nach der Fairness des Wettbewerbs reagierten die Preisträger vorsichtig. Ihrer Meinung nach könne ein solcher Wettbewerb niemals vollkommen gerecht sein – talentierte Künstler würden zwangsläufig übersehen. Dennoch sei die Unterstützung durch die HAW und HFBK wichtig: Beide Hochschulen bemühten sich, ihren Absolventen den Einstieg in die Kunstwelt zu erleichtern.
Gibt es also Hoffnung für junge Künstlerinnen und Künstler heute?
Die Antworten darauf klangen überraschend zurückhaltend. Manche reagierten mit nervösem Lachen, andere mit einem schweren Seufzer. Wie Max Klein sagte, sei der Weg eines Künstlers lang und steinig. Hoffnung gebe es jedoch immer – solange man nicht aufgebe. In einem Punkt waren sich alle Preisträger einig: Der Weg eines jeden Künstlers ist anders und führt zu unterschiedlichen Zielen. Doch solange man seiner eigenen Richtung treu bleibt, besteht immer die Möglichkeit, ans Ziel zu gelangen.
Damit endete unser Gespräch. Die Preisträger verabschiedeten sich und gingen mit ihren Freunden weiter, um ihren Erfolg zu feiern – in einem indischen Restaurant in der Nähe.
Und doch bleibt eine letzte Frage: Worin bestand eigentlich jenes neue künstlerische Statement, das Anlass für diesen ganzen Abend war?
Leider gelang es mir nicht, jeden der Preisträger ausführlich nach der Bedeutung seiner Werke zu fragen. Doch vielleicht ist das auch gar nicht entscheidend. Kunst gleicht einem Fluss, über den ein Künstler seine Gedanken und Bedeutungen transportiert. Was von einem Ufer aufbricht, erreicht das andere selten unverändert.
Gerade darin liegt ein Teil ihres Wesens. Wichtig ist nur, dass überhaupt etwas übergesetzt wird – dass ein Künstler seinen Werken einen Sinn mitgibt.
Sei es die Auseinandersetzung mit der Natur bei Max Klein, der untersucht, wie ihre scheinbar “automatischen“ Formen die Strenge und Rigidität menschlicher Konstruktionen aufbrechen. Oder das Spiel mit sozialen Erwartungen bei Alexandra Rigus, in deren Bildern ein “Hindernis” im Zentrum steht, das dem Betrachter den Blick auf das Dahinterliegende verwehrt.
Wichtig ist nur, dass der Fluss weiterfließt – und uns neue Gedanken, neue Emotionen, neue Begegnungen bringt. Und vielleicht auch die langersehnte Anerkennung.